Prälat Günther Lipok aus Ramerberg
Gottesmann, Herzensmensch, Chaot: Prälat Günther Lipok spricht Klartext zur Kirchenkrise
Prälat Günther Lipok aus Ramerberg feiert sein 60-jähriges Priesterjubiläum: Der OVB-Redaktion gewährt er nicht nur einen Einblick in sein bewegtes Leben. Er findet auch klare Worte zu den Themen Zölibat, Maria 2.0, Missbrauch und Kirchenaustritte.
Ramerberg – Mit welchen Worten wird man Prälat Günther Lipok aus Ramerberg (86) gerecht? Gottesmann, Theologe, Philosoph, Gelehrter, Herzensmensch, Tänzer, Chaot, Kirchenmann und -kritiker – sie alle können nur unzureichend die Facetten seines bewegten Lebens skizzieren.
Doch was brachte ihn dazu, ein Gottesmann zu werden. Lipok geht in seinen Erinnerungen weit zurück. Die Familie musste im Zweiten Weltkrieg aus Oberschlesien flüchten, am Ende kam sie mit einigen Verwandten in Österreich unter. Mit zwei Cousins spielte der neunjährige Günther vor dem Haus, als plötzlich eine Panzerabwehrgranate explodierte, die hier herumlag. Sein linker Ellenbogen ist seitdem im 90-Grad-Winkel versteift und sein Fuß blieb nachhaltig verletzt. Ein fast gleichaltriger Cousin starb und der zehnjährige Cousin, der die Granate geworfen hatte, verlor ein Bein. „Warum lebst du noch?“, diese Frage habe er sich und seiner Mutter immer wieder gestellt, wenn sie ihn im Lazarett besuchte, wo er lang behandelt wurde. „Seitdem glaube ich nicht an Zufälle, sondern an Führung und Fügung und dafür bin ich dankbar“, erklärt Lipok beim Erinnern an dieses Ereignis.
Diese körperlichen Verletzungen heilen nie ganz aus und so war dem einzigen Sohn seiner Mutter, die Kriegerwitwe blieb – sein Vater war 1941 in Poltawa, Ukraine, gefallen – klar, dass er später einmal kein Handwerker werden könnte. Sein Weg ging über das Gymnasium. Ein väterlicher Unterstützer war Pfarrer Josef Reidel aus Ramerberg. „Er hatte ein ganz offenes Herz auch für Heimatvertriebene“, erinnert sich Lipok noch heute. Reidel setzte sich auch dafür ein, dass er im Internat in Traunstein für das Gymnasium angemeldet werden konnte. Auf dem Anmeldebogen lautete die entscheidende Frage: „Versprechen Sie, dass Sie alles tun werden, dass ihr Sohn Priester wird? Versprichst du, dass du später Priester werden willst.“ Das stand auf dem Anmeldebogen. Damals war Lipok noch keine zwölf Jahre alt. Mutter und Sohn beantworteten diese Frage mit einem klaren „Nein, das können wir nicht“. Pfarrer Reidel kommentierte: „Da haben sie recht.“ So blieb nur die tägliche Fahrt mit dem Zug ins Gymnasium nach Rosenheim.
Kurz bevor er in die zehnte Klasse des Gymnasium gekommen sei, kam es zu einer weiteren wegweisenden Begegnung mit Pfarrer Reidel. Bei einer Zugfahrt habe dieser ihn gefragt, ob er schon wisse, was er später werden wolle. Als guten Rat gab Reidel dem jungen Gymnasiasten mit auf den Weg: „Lebe so, dass du dir die Tür zum Priestertum nicht zuschlägst.“ Daran habe er sich strikt gehalten, so Lipok.
Täglich machte er sich ab September 1948 von seinem Wohnort Lehen aus auf den Weg zum 6.24-Uhr-Zug von Ramerberg nach Rosenheim und dort lernte er in seiner Klasse mit Jungen und Mädchen, evangelische und katholische, kennen, die später auch gemeinsam einen Tanzkurs besuchten. „Wir waren eine bunt gemischte Gruppe, ganz unbefangen, und lernten viel voneinander, auch andere Meinungen auszuhalten und kontroverse Gespräche zu führen. Das war prägend für mich bis heute“, erklärt er. Die Leidenschaft für das Tanzen hat er sich ebenfalls bis heute erhalten, erzählt er. Später habe er im Weihejahr in Freising seine Lebenserfahrungen mit anderen ausgetauscht; da habe er von einem anderen Priesteranwärter gehört: „Uns haben sie im Knabenseminar die ganze Jugend gestohlen“. Das sei bei ihm zum Glück nicht der Fall gewesen. Seine unbeschwerten Erfahrungen hätten ihn frei und sicher gemacht, betont er.
Diszipliniert und chaotisch zugleich
„Ich war immer diszipliniert, wenn es darauf ankam“, so Lipok, „blieb aber ein Chaot, wenn man sich meinen Schreibtisch anschaut – bis heute“, schiebt er schmunzelnd nach. Dem Gymnasium in Rosenheim folgte das Studium der Philosophie und Theologie in Königsstein im Taunus – der theologischen Hochschule für Heimatvertriebene. In den Semesterferien pflegte er seine inzwischen schwer krebskranke Mutter, die während der Semester von den Mallersdorfer Schwestern in Rosenheim betreut wurde.
„Hättest du dir nicht was Leichteres aussuchen können“, habe seine Mutter ihn manches Mal gefragt und sie sei auch traurig gewesen, dass sie wohl keine Enkelkinder bekommen würde, wenn ihr Sohn Priester würde. Bei der Primiz in Rott 1963 aber blickte sie stolz auf ihren Sohn – vier Monate später starb sie.
Das Zölibat ist nicht der Wille Gottes
„Kirche war und ist bis heute für mich der einfachste Weg (nicht das Ziel), für Jesus Christus und seinen Weg zu Gott durch die Nächstenliebe Zeugnis zu geben und Menschen für seine Nachfolge zu gewinnen, wenn es auch nur schrittweise sein kann,“ betont Lipok. Auf diesem Pfad befindet er sich noch immer mit großer Leidenschaft. Und er sieht Mitstreiter in jedem Christen, egal ob Mann oder Frau, wenn sie Suchende nach tragendem Halt sind. Christus könne diesen Halt bieten, weiß er aus Erfahrung. „Die Kirche wird nicht untergehen“, glaubt er deshalb fest. Allerdings sagt er auch: „Solange die Kirche vor die Eucharistie eine Tür mit dem Schlüsselloch Zölibat stellt, verrät sie den Auftrag Christi: „Tut dies zu meinem Andenken!“ Das ist die „immer seltener betretene Schwelle in unserer Kirche. “ Lipok fragt sich deshalb: „Ob dies der Wille Gottes ist?“
Er kann nicht verstehen, warum die Verantwortlichen der katholischen Kirche in den Missbrauchsfällen so zögerlich und unterschiedlich offen reagiert haben – und er wünscht sich, dass nicht nur junge Leute die Kirche wegen des vielfachen Missbrauchs nicht verlassen – „da machen sie ja das Versagen anderer zum Vorbild für ihr eigenes Versagen“, glaubt der Prälat. Überzeugender sei es, sich einzusetzen und einzumischen für den Willen Gottes – so wie sie die Nachfolge Christi verstanden haben.
Festgottesdienst und Stehempfang
Der feierliche Dankgottesdienst zum 60-jährigen Priesterjubiläum wird am Sonntag, 2. Juli 2023, ab 10.15 Uhr in der Pfarrkirche Rott gefeiert. Anschließend findet ein Stehempfang im Gasthof Stechl in Rott statt.
Auf Maria 2.0 angesprochen, erklärt Lipok: „Diese Marienverehrer stehen auf dem Fundament der Bibel und das überzeugt mich, einschließlich der Gleichstellung von Mann und Frau in allen kirchlichen Bereichen und Ämtern. Solange auch hier noch von vielen Katholikinnen und Katholiken die Höherstellung des Mannes als richtig angesehen wird, nehmen sie nicht ernst, dass Gott Mann und Frau geschaffen hat.“
„Die Kirchenverwaltung arbeitet auf Kosten der Basis“
Auch mit der Verwaltung der Kirche ist Lipok nicht immer einverstanden: „Sie verwaltet zu ihren eigenen Gunsten, der Zentrale, auf Kosten der Basis – an der Gesamt-Kirche vorbei.“ Mit dem Wissen, das er heute von der Kirche habe – die er gern mal als „Firma“ tituliert – würde er sich im Rückblick vielleicht nicht noch einmal für den Weg als Priester entscheiden, so Lipok. Doch andererseits glaubt er fest: „Jeder Christ wird als Zeuge für den Glauben gesehen, ob er will oder nicht.“ Und in der Kirche – von der Basis bis zur Spitze im Vatikan – seien auch nur Menschen. Die ganz große Mehrheit der Frauen und Männer in der Kirche würden sich vor allem redlich um die kirchliche Gemeinschaft bemühen, bleibt Lipok zuversichtlich.