Acht Stunden auf der Suche nach Julia (8) im Böhmerwald
Bad Endorfer Rettungshundeführerin schildert: „Sie hätte überall sein können“
Ein kleines Mädchen ist am 10. Oktober im Böhmerwald spurlos verschwunden. Eine groß angelegte Vermisstensuche nach der Achtjährigen mündete glücklicherweise in ein Happy End. Mit dabei im unwegsamen Dickicht an der tschechischen Grenze: Sabine Kriechbaumer und ihre beiden Rettungshunde Amy und Toby.
Bad Endorf - Der Anruf erreichte Sabine am Montag, 11. Oktober, um 10 Uhr morgens. Nach einer kurzen Klärung, ob sie spontan einsatzbereit wäre, um bei der Großsuche nach der vermissten Julia im Böhmerwald zu helfen, saß die Rettungshundeführerin um 12 Uhr mittags bereits im Auto Richtung Oberpfalz. Im Gepäck: die beiden Australian Sheperds Amy (8) und Toby (5).
Mehr als 1400 Rettungskräfte - unter ihnen Sabine Kriechbaumer und ihre Rettungshunde
Was für die Hunde der Beginn eines großen Spiels ist, ist für Sabine und die unzähligen anderen Helfer vor Ort bitterer Ernst. Nach einer dreistündigen Fahrt erreichte die Bad Endorferin das Ziel und meldete sich bei der Einsatzleitung: „Es war wahnsinnig viel los. Hundestaffeln aus ganz Bayern waren dabei und es kamen laufend neue hinzu“, erinnert sich Sabine für rosenheim24.de und unterstrich, mehr als ein kurzes „Servus“ an Kollegen, die man von bisherigen Einsätzen kennt, war nicht drin.
Das Ausmaß an Helfern kann sie in dem Moment nicht erfassen. An der Suche im Gebiet zwischen den Städten Waldmünchen, Furth im Wald und Domazlice (Taus) hatten sich insgesamt rund 1400 Rettungskräfte aus Bayern und Tschechien beteiligt.
Orientierung im Wald gestaltete sich als schwierig für die Einsatzkräfte
Dann ging alles ganz schnell: Sabine bekam sogleich ein Gebiet auf tschechischer Seite zugeteilt. Um etwa 16 Uhr ging es mit dem ersten Hund und einem Navigator als Orientierungshilfe los. Amy und Toby suchen im Freilauf ohne Leine und durchstreifen ihr Gebiet in Schlangenlinien in nur einer Stunde. Die Größe des Gebiets umfasst dabei locker 50.000 Quadratkilometer. Das entspricht 40 Mal der Fläche eines Olympischen Schwimmbeckens - für die sensiblen Nasen der Hunde kein Problem.
„Das Forstgebiet war teilweise offen und hell, immer wieder durchkämmten wir auch Lichtungen. Dann wurde es wieder unwegsam, steil und wir kamen nur mehr schwierig voran. Der Wald selbst war riesengroß, es dauerte schon ewig, bis wir überhaupt am Suchgebiet angekommen sind. Ich habe eine gute Orientierung, aber teils war es schon irreführend“, schildert Sabine.
Toby und Amy lauschen ihren Erzählungen auf dem Boden liegend mit gespitzten Ohren, blicken dabei immer wieder zwischen uns und ihrem Frauchen hin und her. Nur zu gerne hätten die beiden Aussis den Besuch in ihrem Revier genauer unter die Lupe genommen, mussten sich jedoch bis zum Ende des Interviews gedulden. Ihren Unmut darüber ließ vor allem Toby immer wieder durch leises Winseln verlauten.
Amy und Toby werden zweimal pro Woche für den Ernstfall trainiert
„Um 20 Uhr waren wir wieder am Sammelpunkt um uns einen neuen Teil vorzunehmen“, erzählt Sabine ungehindert ob der Blicke ihrer Hunde. „Unsere Einsätze finden in der Regel im Dunklen statt.“ Toby und Amy werden dabei so navigiert, dass sie den Wind immer in der Nase haben. Gesucht wird nach Menschengeruch, der nicht speziell auf den Geruch des vermissten Mädchens abgestimmt wurde.
„Es kann also auch sein, dass sie bei Wanderern oder anderen Helfern anschlagen. Das wird belohnt und danach gleich weitergesucht“, erläutert die Ausbildungsleitung und stellvertretende Hundestaffelleitung der Johanniter Wasserburg.
Mit Toby und Amy übt Sabine zweimal pro Woche für den Ernstfall. Alle zwei Jahre unterzieht sie sich einer Prüfung, deren Bestehen sie berechtigt, die Rettungshunde im Einsatz zu führen.
Der Hunderettungsstaffel anzugehören ist bei Familie Kriechbauer Ehrensache: Tochter Alexandra zählt mit ihren 21 Jahren zu den jüngsten Hunderettungsführerinnen Bayerns. Sie startete die Ausbildung mit dem fünfjährigen Toby, dem jüngsten Aussie in der Runde. Ältestes Vierfüßler-Mitglied ist die zwölfjährige Pepples - sie ist entgegen ihrer beiden Kameraden Therapiehündin.
„Sie hätte überall sein können“
Zurück zum Einsatz: Was für das vermisste Kind ein Lebensindikator ist, kann für die Helfer zur Herausforderung werden. Denn da Julia allem Anschein nach ständig in Bewegung war und dadurch ihr Körper nicht gänzlich auskühlte, konnte es durchaus sein, dass sie in ein Gebiet lief, das die Rettungshunde bereits durchstreift hatten. „Sie hätte überall sein können“, untermalt Sabine die Schwierigkeit der Suche.
Dass sie im Einsatz ist, um ein vermisstes Mädchen zu finden, sei für Sabine natürlich nervlich eine Belastung. „Bei solchen Einsätzen muss auch immer damit gerechnet werden, dass die Person nicht mehr lebend aufgefunden wird. Immer wieder habe ich auf einen Abbruch gehofft, die logische Konsequenz, dass Julia gefunden wurde und zwar möglichst am Leben. Nach zwei Nächten schwand die Hoffnung minütlich, das Mädchen noch gesund zu finden. Ich habe selbst drei Kinder, das ist schon heftig und ganz ausblenden kann ich es auch nach so vielen Jahren Erfahrung nicht.“
„Man weiß ja nie, was einem an der tschechischen Grenze entgegenkommt“
Vor allem die Vorstellung, dass die Achtjährige allein bei nasskalten Temperaturen um den Gefrierpunkt im dunklen Wald umherirrte zehre an den Nerven: „Meiner Helferin und mir ist es manchmal so vorgekommen, als hätten wir eine Kinderstimme vernommen, was sich allerdings als Trugschluss herausstellte - wir wurden teils ganz narrisch.“
Dieses Kopfkino müsse man ausblenden. Genauso wie die Geräusche, die einen nachts im Wald umgeben und um ein Vielfaches lauter erscheinen, als sie sind: „An einer Stelle hat es plötzlich furchtbar laut geknackt - wir werden nie erfahren, ob es ein Tier, ein Wildschwein womöglich, war, das sich ganz in unserer Nähe befand. Man weiß ja nie, was einem an der tschechischen Grenze entgegenkommt.“ Deshalb sei es wichtig, sich ein eigenes Schutzschild anzulegen und sich voll und ganz auf die Suche zu konzentrieren.
Um Mitternacht jedoch brach Sabine die Suche ab und machte sich mit Toby und Amy auf den Heimweg. Um 3 Uhr morgens fiel sie erschöpft ins Bett.
Noch am selben Tag kam die erlösende Nachricht: Julia wurde von einem Förster gefunden. Schwach und unterkühlt, aber am Leben - nach 45 Stunden allein im Böhmerwald. Sabine fiel ein Stein vom Herzen: „Gott sei Dank nahm diese Geschichte ein gutes Ende. Es ist völlig egal, wer das Kind findet - hauptsache, sie ist wieder da.“
mb


