8. Verhandlungstag im „Hanna-Prozess“
Zeugen zum nächtlichen Jogger: Drei sprechen von einer kurzen, einer von einer langen Hose
Laufen / Aschau i. Chiemgau – Am 22. Oktober wird der Mordprozess gegen Sebastian T. fortgesetzt: Im Mittelpunkt stehen Zeugen, die ihn als nächtlichen Jogger gesehen haben – und die Schwester seiner Freundin Verena.
Übersicht
Update 15:45 Uhr – Zeugen zum nächtlichen Jogger: Drei sagen kurze Hose, einer lang
Nach der Entlassung der Zeugin Lea R. teilte die Vorsitzende Richterin Heike Will mit, dass auch die Telefone ihrer Schwester und Mutter gesichtet werden sollen. Haben sich die Zeuginnen vor ihren Aussagen im Prozess gegen Sebastian T. abgesprochen? Folgen für die Verwertbarkeit ihrer Angaben vor Gericht wurden von der Richterin aber nicht angesprochen. Absprachen könnten aber strafrechtliche Folgen für die Zeuginnen haben.
Anschließend wurde ein Überwachungsvideo gesichtet, das den nächtlichen Jogger in Aschau zeigte. Das Video war kurz, der Läufer schnell – innerhalb von Sekunden war der Jogger wieder aus dem Bild verschwunden. Für das Gericht ließ sich daraus keine Erkenntnis über die Länge der Hose gewinnen. Nach mehreren Versuchen wurde schließlich ein weiterer Zeuge in den Saal gerufen.
Trug der Jogger eine kurze oder lange Hose?
Der junge Mann hatte am 3. Oktober gegen 2:00 Uhr früh den Club Eiskeller verlassen und war mit Freunden bei seinem Auto am Parkplatz in der Schlossbergstraße gestanden, als er den nächtlichen Jogger erblickte. „Es war ungewöhnlich, so spät nachts einen Jogger zu sehen“, so der Zeuge. Aus diesem Grund habe er auch seine Freunde auf den Läufer hingewiesen. „Es war relativ kalt, aber es hat nicht geregnet“, so der junge Mann. „Was ich sicher sagen kann, ist, dass der Jogger eine schwarze lange Hose anhatte – eventuell Leggings, wie man sie unter kurzen Hosen trägt.“
Der zweite Zeuge, der den Club wohl gegen 2:18 Uhr verlassen hatte, gab an, den Jogger auf Höhe vom Gasthof Baumbach gesehen zu haben. Er sei ihm und seinen Freunden auf der rechten Fahrbahnseite entgegengekommen. „Ich bin mir sicher, dass er sportliche, dunkle Kleidung anhatte. Er trug eine kurze Sporthose und fand es untypisch. Ob er drunter anhatte, weiß ich nicht.“
Die dritte Zeugin gab an, dass sie den Club am 3. Oktober 2022 um kurz vor halb drei verlassen habe. Auf dem Weg zum Auto sei ihr auf dem Parkplatz der Jogger von der Kampenwandstraße aus entgegengekommen. „Es war ein Mann. Damals habe ich bei der Polizei ausgesagt, dass er eine kurze Hose trug. Das habe ich wahrheitsgemäß ausgesagt.“ An weitere Kleidungsstücke oder eine Stirnlampe konnte sich die Zeugin nicht erinnern.
Der letzte Zeuge für den heutigen Verhandlungstag sagte aus, er sei gegen 2:10 am Festhallenparkplatz angekommen und habe parallel zum Club Eiskeller geparkt. „Auf dem Parkplatz ist dann von der Kampenwandstraße kommend ein Jogger an meinem Auto vorbeigelaufen. Er hatte eine Stirnlampe auf, einen Windbreaker an und trug eine kurze Hose“, so der Zeuge. „Ich habe mich gewundert – einmal wegen der Uhrzeit und wegen der Temperatur, auch wegen der kurzen Hose. Das war schon so, dass mir das im Gedächtnis geblieben ist.“
Dann wurde die Verhandlung unterbrochen. Am morgigen Prozesstag sollen Zeugen zu GPS- und Handydaten angehört werden.
Update 13:10 Uhr – Handy von Lea R. beschlagnahmt
Nach der Pause ging die Befragung von Lea R. weiter – insgesamt wurde die junge Frau mehr als dreieinhalb Stunden als Zeugin befragt. Die Verteidigung wollte von ihr wissen, welche Spiele Lea und ihre Schwester mit Sebastian gespielt hatten. Welche Gespräche die Geschwister nach ihren Vernehmungen, nach dem ersten und vor dem erneuten Prozess gegen Sebastian T. miteinander führten. Die Zeugin gab an, dass ihre Schwester bereits während der ersten Verhandlung sehr gelitten habe. Auch dieses Mal habe Verena R. große Sorge und Angst vor ihrer bevorstehenden Aussage vor Gericht.
Dann ging es um die Party, die am 17. November 2022 im Haus der Familie R. stattfand. Dieser Abend sei Lea noch gut in Erinnerung, weil man an dem Abend über das Thema „Hanna W.“ gesprochen habe. Sebastian T. habe dabei fallen gelassen: „Ja, ich war’s, ich habe Hanna umgebracht.“ Weil man Alkohol getrunken habe, hätte man das aber nicht weiter ernst genommen und auch nicht groß nachgefragt.
Richterin Heike Will bohrte nach, weil Lea R. dies bei ihren polizeilichen Vernehmungen nicht angegeben habe – erst bei ihrer Zeugenaussage im ersten Prozess. Die Zeugin blieb aber dabei, dass sie den Satz von Sebastian gehört habe. „Danach hat er richtig viel Alkohol getrunken und musste sich dann auch übergeben“, so die Zeugin. Sebastian T. habe an diesem Abend auch im Haus der Familie übernachtet.
„Jetzt haben Sie jemanden im Haus, der sagte, eine junge Frau umgebracht zu haben und Sie haben sich keine Gedanken darüber gemacht?“, fragte Richterin Will. „Nein“, sagte die Zeugin. „Sie haben es nicht geglaubt?“, fragte Will erneut und Lea verneinte. Sebastian habe an dem Abend „bedrückt“ gewirkt. „Uns ist es komisch vorgekommen, dass Sebastian T. sich nach dem 3. Oktober sehr oft bei uns aufhielt“, so die Zeugin.
Während der Befragung wurde schließlich das Handy der Zeugin beschlagnahmt. Auf Anfrage der Vorsitzenden Richterin, ob das Smartphone durchgesehen werden dürfe, wurden konkrete Inhalte darauf gefunden, die mit dem Prozess in Zusammenhang stehen.
Update 11:30 Uhr – „Dann hat er ihr ein Messer an den Hals gehalten“
Der achte Prozesstag startete mit einer Mitteilung der Vorsitzenden Richterin Heike Will zur gestrigen Anhörung der Mutter von Verena R., einer guten Freundin des Angeklagten. Sie hatte ausgesagt, dass Sebastian T. bei einer Party in ihrem Haus den Mord an Hanna W. gestanden habe. Ansonsten konnte sie sich jedoch kaum an etwas erinnern. „Dass man sich trotz der Außergewöhnlichkeit dieses Geschehens eigentlich an fast gar nichts mehr erinnern kann, erscheint uns merkwürdig“, teilte diesbezüglich das Gericht mit.
Anschließend wurde Lea R., die Schwester Verenas, in den Gerichtssaal gerufen. „Wie sah denn Ihr 3. Oktober aus?“, fragte Richterin Will die Zeugin. „Soweit ich mich erinnern kann, waren wir an dem Tag zu viert beim Tischtennisspielen bei einem Strandbad in Übersee.“ Man sei nachmittags in Verenas Auto losgefahren. Nach dem Spiel habe man sich zusammen ans Auto gestellt und geredet. „Da fragte T., ob wir schon gehört haben, dass in Aschau ein Mädchen umgebracht worden sei.“
Lea konnte sich um die Aussage herum drei Jahre später nur wenig an das Gespräch erinnern. „Ich glaube, ich habe im Internet noch nachgeschaut an dem Abend. Aber ich habe dazu nichts gefunden“, sagte die Zeugin. Sie sagte auch, dass ihre Schwester ihr erzählt habe, dass sie sich allein mit Sebastian T. getroffen habe. „Es kann sein, dass es dieser oder ein anderer Abend war.“ Lea R. sei einmal dabei gewesen, als Sebastian T. ihre Schwester mit einem Messer bedrohte, sagte sie.
„Wir waren im Auto, meine Schwester auf dem Fahrersitz, Sebastian auf dem Beifahrersitz und ich hinten. Dann hat er von rechts ein Messer an ihren Hals gehalten.“ Die Mädchen seien zuerst geschockt gewesen, aber hätten es nicht so ernst genommen. „Ein anderes Mal hat er sie im Auto am Oberschenkel angefasst – ziemlich nah am Intimbereich. Da hat meine Schwester seine Hand weggeschoben. Sie wollte das nicht.“
Als nach einer kurzen Fragerunde die Verteidigung an die Reihe kam, nahm Dr. Yves Georg die Zeugin in die Mangel. Es ging um die Bedrohung und das „Anfassen“ im Auto: Wie war das Wetter an diesem Tag, wo stand das Auto, wie lang, was wurde geredet und vieles mehr. Nach kurzer Zeit brach Lea R. dann in Tränen aus. Weil eine weitere Befragung erstmal nicht möglich war, musste eine Pause gemacht werden.
Vorbericht
Auch am achten Verhandlungstag im Mordprozess gegen Sebastian T. sind wieder zahlreiche Zeugen in die Zweigstelle des Landgerichts Traunstein nach Laufen geladen. Sie sollen zur Klärung beitragen, ob der 23-Jährige in den frühen Morgenstunden des 3. Oktobers 2022 die Studentin Hanna W. ermordet haben könnte. Entscheidend dürften hierbei die Informationen von Sebastian T.s Freunden sein – sie standen auch an den vergangenen Verhandlungstagen im Mittelpunkt der Anhörung.
Offenbarte Sebastian T. seinen Freunden Täterwissen?
So soll Sebastian T. sich am Nachmittag des 3. Oktobers bei einem Tischtennisspiel mit seinen Freunden getroffen haben. Dort habe er über einen Mord in Aschau gesprochen, was bedeuten würde, dass er Täterwissen preisgab. Die Öffentlichkeit erfuhr nämlich erst am kommenden Tag von der Tat.
Auch Sebastians gute Freundin Verena R. will die Geschichte von dem ermordeten Mädchen von ihm gehört haben – am Abend des 3. Oktobers, auf einem Parkplatz in der Nähe des Clubs „Eiskeller“. Nur wenige Stunden zuvor hatte Hanna W. dort noch mit ihren Freunden gefeiert.
Doch Verena R.s Aussagen hierzu waren im ersten Prozess sehr durcheinander. Selbst die Aussagen ihrer Schwester und ihrer Mutter konnten damals wenig zur Klärung beitragen. Die Mutter wurde im aktuellen Prozess nun erneut angehört: Sie wiederholte, dass Sebastian auf einer Party in ihrem Haus den Mord an der jungen Frau gestanden habe. Doch die Erinnerungen waren lückenhaft.
Heute ist nun auch die Schwester Verenas geladen. Lea R. gab damals an, bei dem fraglichen Tischtennisspiel dabei gewesen zu sein. Außerdem sagte sie damals, sie wisse, dass Sebastian T. ihre Schwester mit einem Messer bedroht habe. Neben Lea R. werden aber auch noch weitere Zeugen erwartet. Sie sollen Sebastian T. in der fraglichen Nacht beim Joggen gesehen haben.