9. Verhandlungstag im neuen „Hanna-Prozess“
Irrte sich Sebastians Freundin im Datum? Handydaten erhärten die Annahme
Laufen / Aschau i. Chiemgau – Im Mordprozess gegen Sebastian T. (23) rücken am 9. Verhandlungstag die technischen Daten in den Mittelpunkt. GPS- und Handydaten sollen neue Hinweise liefern.
Übersicht
Update 16:20 Uhr – Irrte sich Sebastians Freundin im Datum?
Anschließend wurden Fotos vom 3. Oktober 2022 gesichtet, die Verena R. am Nachmittag des Tischtennisspiels erstellt hatte, bei dem Sebastian erzählt haben soll, dass in Aschau ein Mädchen umgebracht worden sei. Am 4. Oktober machte Sebastian T. dann Fotos während eines Spaziergangs in Aschau. Verenas Handy zeichnete an diesem Tag zwischen 21 und 23 Uhr viele Schritte auf. Insgesamt lief Verena in diesem Zeitraum mehr als fünf Kilometer. Geodaten von Verenas Handy und ein Überwachungsvideo vom Festhallenparkplatz belegen, dass die junge Frau an diesem Tag in Aschau war. Sebastians Handy zeichnete 13.078 Schritte auf.
Am 3. Oktober lief Verena zwischen 20 und 21 Uhr nur 76 Meter – und auch der Schrittzähler auf Sebastians Handy maß an diesem Tag nur 3197 Schritte. Diese Daten könnten die Tatsache stützen, dass sich Verena R. bezüglich des Datums ihres Treffens mit Sebastian T. irrte. Während der polizeilichen Vernehmung hatte sie angegeben, dass der Angeklagte ihr bereits am 3. Oktober – nur wenige Stunden nach dem Fund des Leichnams Hanna W.s – von einem ermordeten Mädchen in Aschau erzählte. Dies war als mögliche Offenbarung von Täterwissen gewertet worden.
Dann ging es um die eine Fitnessuhr von Sebastian T. Diese sei laut dem Zeugen defekt gewesen und habe keinerlei Daten enthalten. Auch der Hersteller habe angegeben, dass es zum 3. Oktober keine Daten gebe – ob diese gelöscht oder nie aufgezeichnet wurden, sei jedoch nicht beantwortet worden. Die Auswertung eines der Handys von Sebastian ergab, dass er am 3. Oktober 2022 um 1:24 Uhr ein 14-minütiges Fitnessvideo anklickte. Es wurden jedoch nur 10 Prozent davon heruntergeladen. Um 2:42 Uhr spielte er dann 8 Minuten und 33 Sekunden lang das Spiel „Clash of Clans“. Dabei war das Gerät im WLAN der Familie T. eingeloggt.
Ob das Datenthema mit der heutigen Anhörung von Zeugen schon abgeschlossen ist, lässt sich zu diesem Zeitpunkt im Prozess noch nicht sicher sagen. Am morgigen Verhandlungstag soll Verena R., die gute Freundin des Angeklagten, geladen sein. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob sie in dem Fall noch einmal aussagen wird. Verhandlungsbeginn ist wieder um 9:30 Uhr.
Update 14:50 Uhr – „Der würde sowas niemals tun“
Der nächste Polizeibeamte, der als Zeuge in den Saal gerufen wurde, hatte drei Handys von Sebastian T. ausgewertet: Eines wurde von dem Angeklagten vorrangig für die Internetnutzung und eines für Chats und Telefonate verwendet. Ein drittes Smartphone war beschädigt und enthielt wohl keine relevanten Daten, ein viertes war nicht auslesbar. Laut dem Beamten habe Sebastian die Berichterstattung über den Fall Hanna W. ab dem 4. Oktober verfolgt – er las die Pressemitteilung der Polizei, den Artikel auf rosenheim24.de und von Spiegel. Zudem gab er Hinweis auf einen Gruppenchat am 3. Oktober, in dem sich Sebastian mit Freunden verabredete.
Richterin Heike Will ließ sich einige der Nachrichten vorspielen – darunter eine vom 5. Oktober, einen Tag nach Bekanntwerden des Todes von Hanna W.: „Ich hab totale Paranoia, dass ich jetzt auch umbracht werd“, hörte man die aufgeregte junge Frau. In einer Nachricht nach ihrer ersten Vernehmung an ihre Mutter sagte sie: „Mir ist grad eingefallen, es war nicht am 3., wo wir uns getroffen haben, sondern am 5.. Jetzt muss ich wahrscheinlich auch noch in U-Haft, weil die denken, dass ich mit dem T. das Mädl umbracht hab.“
Weitere Nachrichten von dem Tag klangen ähnlich: „I merk mir doch ned, was da am 3. oder am 5. Oktober war“, so Verena R. per Sprachnachricht. Nach der Festnahme von Sebastian T. sagte sie: „Wir müssen dem T. unbedingt helfen. Der würde sowas niemals tun – ich kenne ihn jetzt schon so lang.“ Dann kippte die Stimmung bei den Freunden und in weiteren Nachrichten sprachen Verena und ein Freund darüber, wie sie Sebastian in der JVA besuchen wollten und ihm – umschrieben –zeigen, was sie von ihm halten. Die Vorsitzende Richterin erklärte, dass sie die Nachricht deswegen abspielen ließe, um zu zeigen, dass es so ein Umkippen vom Wohlwollen zur Wut gebe.
Update 11:30 Uhr – „Irgendwas muss mit Hannas Handy passiert sein“
Der neunte Verhandlungstag startete mit einem Antrag der Verteidigung. Rechtsanwältin Regina Rick teilte mit, dass sie nicht einverstanden damit sei, dass die Pornonutzung von Sebastian T. auf seinem Handy noch einmal öffentlich aufgerollt werde. 97 Prozent der Suchen auf dem Smartphone des Angeklagten sollen sich auf sexuelle Inhalte bezogen haben.
Dann wurde der erste Zeuge in den Saal gerufen. Der Polizeibeamte sagte zu den GPS-Daten des iPhones von Hanna W. aus. Es ging um Geo-Punkte, die von Apps gesetzt werden und Standortdaten senden. Alle weisen eine gewisse Ungenauigkeit auf, deuten aber darauf hin, dass Hanna W. sich auf ihrem Heimweg nach Süden bewegte. Zuletzt bewegen sich die Punkte Richtung Kampenwandparkplatz, doch der Radius sei so groß, dass das Handy Hannas sich auch auf der Hauptstraße befunden haben könnte.
Die Geopunkte 1 bis 11 wiesen eine relativ hohe Genauigkeit auf, ab Punkt 12 liege eine starke Ungenauigkeit vor, so der Experte. Er führte dies auf eine hohe Dämpfung des Signals, wie beispielsweise durch einen Sturz des Geräts ins Wasser, zurück. „Irgendwas muss mit dem Handy passiert sein“, so der Zeuge. Auch im Keller des Clubs sei der Empfang so schlecht gewesen, dass die Geopunkte sehr ungenau waren.
Der nächste Zeuge sagte zu den Funkzellendaten zu Hanna W.s Mobiltelefon aus. Es gebe drei Funkzellen, die am 3. Oktober 2022 die Aktivität des Handys abdeckten: eine südlich des Schlossbergs im Bereich des Elternhauses und zwei nördlich, die den Club Eiskeller und seine Umgebung abdecken. Um 2:31 Uhr sei auf Hannas Gerät versucht worden, ein Telefonat zu starten, der Verbindungsaufbau wurde aber „durch irgendetwas abgebrochen“, so der Zeuge. Zu diesem Zeitpunkt habe sich das Gerät bereits in der südlichen Funkzelle befunden.
Um 2:36 Uhr und 2:37 Uhr sei von einem anderen Telefon versucht worden, eine Verbindung zu Hannas Gerät aufzubauen, was nicht gelang. Zum Smartphone Sebastian T.s sagte der Zeuge, dass gerade im kritischen Zeitraum – in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 2022 – keine Verkehrsdaten vorlägen. „Teile der Zell-IDs und der Kommunikation waren zu diesem Zeitpunkt schon weg.“
Vorbericht
Nach einem intensiven achten Verhandlungstag mit zahlreichen Zeugen soll es am 23. Oktober im Mordprozess gegen Sebastian T. um technische Daten gehen. GPS- und Handydaten sollen dabei behilflich sein, den Heimweg der Medizinstudentin Hanna W. zu rekonstruieren, die am 3. Oktober 2022 von Sebastian T. ermordet worden sein soll. Ein besonderer Fokus dürfte auf den Daten im Zeitraum zwischen 2:28 Uhr und 2:38 Uhr liegen, in dem die 23-Jährige damals wohl in den Bärbach geriet. Von Hannas iPhone soll gegen 2:32 Uhr ein Anruf bei einem Notfallkontakt – ihren Eltern – ausgelöst worden sein. Wie konnte dies geschehen? Und worauf lassen die GPS-Daten von ihrem Handy schließen? Das werden Fragen sein, die das Gericht bewegen.
Die Inhalte des 8. Verhandlungstages
Am achten Verhandlungstag sorgte vor allem die Aussage von Lea R. für Aufmerksamkeit. Die Schwester von Verena R. – einer engen Freundin des Angeklagten – hatte ausgesagt, dass Sebastian T. bei einer Party am 17. November 2022 den Mord an Hanna gestanden habe. Doch Richterin Heike Will konfrontierte die Zeugin mit Widersprüchen. Zudem wurde das Handy von Lea R. beschlagnahmt. Nun sollen auch die Telefone ihrer Schwester und Mutter ausgewertet werden – es könnten Absprachen bezüglich ihrer Aussagen stattgefunden haben.
Darüber hinaus wurden Zeugen zu dem Jogger in Hannas Todesnacht gehört. Drei von ihnen sagten aus, der nächtliche Läufer habe eine kurze Hose getragen – einer berichtete von einer langen. Zu seinen polizeilichen Vernehmungen hatte Sebastian T. seine Laufkleidung dieser Nacht mitgebracht: Es handelte sich dabei um eine lange Jogginghose.
